4 minuten
Nachdem ihre Hauskirche aufgelΓΆst worden war, hΓ€tte Jinyi aufgeben kΓΆnnen. Dennoch unterstΓΌtzt sie trotz aller Risiken weiterhin junge glΓ€ubige im Verborgenen.
Jinyis* schlimmste BefΓΌrchtungen drohten wahr zu werden. Die Schritte vor dem Raum liessen keinen Zweifel offen. Jinyi warf einen Blick auf die Jugendlichen, die noch wenige Augenblicke zuvor voller Freude Gott gepriesen hatten. PlΓΆtzlich ΓΆffnete sich die TΓΌr. Chinesische Polizisten stΓΌrmten in den in Dunkelheit getauchten Raum. Aus den Lobliedern wurde
augenblicklich Panik.
An jenem Sonntagmorgen wurden die rund hundert anwesenden Christen festgenommen. Mehrere Personen wurden eine ganze Woche lang inhaftiert. Zhang*, Jinyis Ehemann und Leiter der Hausgemeinde, wurde zu dreieinhalb Jahren Haft und einer Geldstrafe von 60'000
Renminbi (etwa 7250 Franken) verurteilt. Innerhalb weniger Minuten wurde die Hausgemeinde von Jinyi und Zhang aufgelΓΆst. Und Jinyis Welt brach zusammen.
Mit ihrem Mann im GefΓ€ngnis konnte Jinyi ihre Kinder nicht mehr versorgen. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an die ΓΆrtlichen Kirchen,
um um Hilfe zu bitten. Doch statt UnterstΓΌtzung zu erhalten, wurde sie abgewiesen. Dabei hatte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann jahrelang in der Studentenarbeit engagiert. Die Christen in ihrem Umfeld fΓΌrchteten sich vor den BehΓΆrden und wollten nichts mit ihrer Situation zu tun haben.
Β«In meinem Herzen fΓΌhlte ich mich verraten, verletzt und enttΓ€uscht.Β»
Im Laufe der Tage und Wochen nahmen ihre Verwirrung und ihre Traurigkeit zu: Β«Ich zweifelte an meiner StΓ€rke und fing sogar an, Gott
in Frage zu stellenΒ», erinnert sie sich. Β«Ich rang mit meinem Glauben und zog mich schliesslich in die Stille zurΓΌck.Β» Zum GlΓΌck begleiteten sie Partner von Open Doors durch diese schwere Zeit. Jinyi gewann nach und nach wieder Kraft. Β«Ich begann, an die jungen Erwachsenen zu denken, die frΓΌher an unseren Versammlungen teilnahmenΒ», erzΓ€hlt sie. Β«An diese jungen Menschen, die, von Angst getrieben, wie verlorene Schafe ohne Hirten auseinandergetrieben worden waren.Β»
Jinyi lagen diese jungen Menschen besonders am Herzen, da sie selbst als Studentin zum Glauben an Jesus gefunden hatte. Die Studierenden auf ihrem Weg im Glauben zu begleiten, wenn sie zu jungen Erwachsenen wurden, war fΓΌr sie mehr als ein Engagement: Es war eine Berufung, der sie ihr ganzes Leben widmete. Nachdem die Polizei eingriff und
sie diese jungen Menschen, die sie und ihr Mann geistlich begleitet hatten, nicht mehr sehen, hΓΆren oder begleiten konnte, hat sie das emotional, kΓΆrperlich und geistlich zutiefst mitgenommen.
Β«Selbst in dieser Einsamkeit kΓ€mpfte ich dafΓΌr, durchzuhalten.Β»
Jinyis Geschichte ist leider bei weitem kein Einzelfall in China, wo der Staat seine Kontrolle ΓΌber die Kirche verschΓ€rft. Die BehΓΆrden verstΓ€rken ihre BemΓΌhungen, Hauskirchen aufzuspΓΌren, zu ΓΌberwachen und zu bestrafen. Um der Γberwachung zu entgehen, mΓΌssen sich diese in kleine Gruppen aufteilen und in den Untergrund gehen.
Ein Gemeindeleiter erklΓ€rte uns: Β«Jeder kennt Jinyis Situation, aber niemand wagt es, sich einzumischen. Vor einigen Jahren gab es in dieser Region fΓΌnf Gemeinden. Heute gibt es nur noch eine einzige, von der Regierung anerkannte Kirche. Die Hausgemeinden bleiben diskret und im Untergrund. Die Γberwachung ist allgegenwΓ€rtig, und die chinesische Regierung erlΓ€sst Gesetze, die das Wachstum der Kirche eindΓ€mmen sollen. FΓΌr MinderjΓ€hrige unter 18 Jahren ist es sogar illegal, einer Religion
anzugehΓΆren.
Seit Kurzem trifft sich Jinyi mit Jugendlichen zu EinzelgesprΓ€chen, um ihnen Mut zu machen. Denn trotz der ErschΓΆpfung und der Risiken weiss Jinyi, dass sie fΓΌr diejenigen da sein muss, die Gott ihr und ihrem Mann anvertraut hat.
Β«Die Berufung, die ich einst von Gott erhalten hatte, ist in mir wieder aufgeflammt. Ich wusste, dass ich diesen Jugendlichen helfen musste, fest im Herrn verankert zu bleiben.Β»
Im GefΓ€ngnis freute sich Zhang zu hΓΆren, dass Jinyi sich weiterhin um diese Β«kleinen LΓ€mmerΒ» kΓΌmmerte, die sie gemeinsam begleitet hatten. Einige von ihnen haben inzwischen begonnen, selbst Bibelkreise zu leiten. Andere haben ihr Zuhause fΓΌr Jugendtreffen geΓΆffnet.
Heute begleitet Jinyi in zehn kleinen Untergrundgruppen mehr als 70 junge Menschen. Jinyi ist sich bewusst, dass sie mit diesem neuen Untergrunddienst enorme Risiken eingeht. Doch selbst mitten in der Verfolgung wΓ€chst der Glaube weiter β wie ein verletzlicher Samen, der in die Erde gesΓ€t wird und in Christus Wurzeln schlΓ€gt, um Frucht zu bringen.
Dank Ihrer UnterstΓΌtzung kΓΆnnen unsere Partner Christen im Untergrund wie Jinyi besuchen und sie in ihrer Isolation begleiten. FΓΌr sie war diese NΓ€he von unschΓ€tzbarem Wert, gerade als viele Kirchen ihr den RΓΌcken
gekehrt hatten. Β«Es gab unzΓ€hlige Momente, in denen ich aufgeben wollteΒ», gesteht Jinyi. Β«Als Leiterin fΓΌhle ich mich isoliert. Aber eure UnterstΓΌtzung und Ermutigung helfen mir, mich weniger allein und weniger Γ€ngstlich zu fΓΌhlen.Β»
*Name aus SicherheitsgrΓΌnden geΓ€ndert